Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank, dass Sie heute so zahlreich hier am heutigen Volkstrauertag erschienen sind. Wir stehen erneut zusammen – in stillem Gedenken und ehrendem Respekt – für all die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror.

Ich möchte in meiner heutigen Rede nicht nur der Vergangenheit gedenken, sondern auch bewusst Verbindungen zur Gegenwart ziehen – denn das Vermächtnis der Opfer verpflichtet uns, wachsam zu sein gegenüber neuem Leid und ungelösten Konflikten.

Wir erinnern heute an Soldatinnen und Soldaten, an zivile Opfer, an Menschen, die in deutscher oder europäischer Verantwortung gelitten haben – im Krieg, bei der Verteidigung von Freiheit, bei der Rettung von Mitmenschen. Aus der Erinnerung erwächst unsere Verpflichtung: Frieden zu wahren, Verantwortung zu übernehmen, im Kleinen wie im Großen.

Wir gedenken ihrer mit Demut – aber auch mit dem Anspruch, dass ihr Opfer nicht umsonst gewesen ist.

Auch heute leiden Menschen auf der Welt – in einer unmittelbaren und drängenden Weise. Der Konflikt im Nahen Osten ist präsent. Auf die Waffenruhe im Gaza-Konflikt muss nun ein stabiler Frieden folgen. Denn: Der Konflikt ist keineswegs abgeschlossen. Die Hamas, die am 7. Oktober 2023 Israel überfallen hatte, ist noch immer nicht entwaffnet und sie lehnt eine Entwaffnung ab.

Gleichzeitig liegt der Gaza-Streifen in Trümmern und das erste, was die Hamas nach dem Waffenstillstand getan hat, war nicht Hilfe für Notleidende, sondern die Exekution von Palästinensern. Der Aufschrei hier blieb aus. Statt hunderte „All eyes on Gaza“-Kacheln und Slides in den sozialen Medien gab es von den üblichen Aktivisten eine dröhnende Stille.

Während wir unsere Aufmerksamkeit auf den Nahen Osten richten, darf nicht vergessen werden: Es gibt zahlreiche andere Konflikte – mit oft wesentlich weniger medialer Aufmerksamkeit –, in denen Menschen leiden und starben. Beispiele:

Im Sudan – etwa bei Al‑Fāschir‑Massaker – werden schätzungsweise Tausende Zivilisten ermordet, während die Weltöffentlichkeit vergleichsweise leise bleibt. Die Situation wird von einigen als Genozid beschrieben. Es drängen sich Vergleiche zum Ruanda-Konflikt auf.

In Regionen wie dem Süd‑Sudan oder im Norden von Nigeria (aber auch anderswo) herrscht Krieg, Vertreibung, Hunger – oft ohne großen Pressefokus, oft ohne große Demonstrationen in unseren Städten.

Die Tatsache, dass in unseren Städten massenhaft Demonstrationen für Gaza stattfinden – während andere Konflikte kaum Beachtung finden – ist für uns eine politische und moralische Herausforderung: Wer entscheidet welche Krise „sichtbar“ wird? Wer hört und handelt?

Für einige Menschen scheint die Linie „No jews, no news“ der Maßstab zu sein. Bei Gaza wird mit Fahnenmeeren und lauten Parolen demonstriert, bei anderen Konflikten wird um so lauter geschwiegen.

Gedenkkultur ist schwierig und ist oft wegen ihrer Schwerpunktsetzung Kritik ausgesetzt.

Erinnerung heißt nicht nur: zurückschauen. Erinnerung heißt auch: hinsehen, wenn heute Menschen leiden – sichtbar oder unsichtbar.

Daher sind mir folgende Dinge besonders wichtig:

Wir müssen Dialog fördern – zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Lebenslage – und die Erinnerung nutzen, um heute Brücken zu bauen.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Polarisierung und Hass dominieren – gerade in einer Zeit, in der Konflikte global wirken und lokal gespiegelt werden.

Wir müssen uns für humanitäre Hilfe und für Menschenrechte weltweit einsetzen.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns heute gemeinsam innehalten – für diejenigen, die ihr Leben gaben, und für jene, die heute um ihr Leben kämpfen. Lassen Sie uns erinnern – mit Respekt, Ernsthaftigkeit, Verantwortung. Und lassen Sie uns handeln – mit Mitmenschlichkeit, politischem Willen und der Bereitschaft, nicht wegzuschauen, wenn andere leiden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Lasst uns gemeinsam schweigend gedenken.

Vielen Dank.